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Schlangentanz

 

Originalausgabe: Gmeiner Verlag 2004

Neuauflage: Kontrast Verlag 2010

264 Seiten, € 10,90, ISBN 3941200186


 



In einer einsamen Kapelle wird am Neujahrstag die Leiche einer brutal ermordeten Frau entdeckt. Wer war die unbekannte Schöne? Kripokommissarin Lilian Graf und ihr Kollege Helmut Brunner kämpfen sich durch blutige Gedichte und einen kalten Winter. Nichts ist so, wie es scheint, und alles scheint anders, als es ist. Bald sind Lilian und ihr Kollege tiefer in diesen Fall verstrickt, als ihnen lieb ist.

 


Pressestimmen:

"... Die Autorin zeichnet die Figuren sehr plastisch und mit psychologischem Einfühlungsvermögen. Es geht um Träume, Liebe, Sexualität, um Fluchten, um enttäuschte Hoffnungen ... Schlangentanz ist ... gleichermaßen spannend wie emotionsgeladen."
(Mittelbayerische Zeitung)

"Hildegunde Artmeier ist wieder ein toller Roman mit der Protagonisten Lilian Graf gelungen. Man sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen!!!!"
(www.toms-krimitreff.de)

"... ein packender Psychokrimi. Wie schon in ‚Drachenfrau' überzeugen der psychologische Tiefgang der Handlung und Hildegunde Artmeier ganz eigener, geradliniger Schreibstil."
Donaupost

"Der Leser ... kann sich davon überzeugen, dass Hildegunde Artmeier mit groß en Krimiautoren Schritt halten kann!"
(Landshuter Zeitung)

 


Lesermeinungen:

"Ich habe ... Schlangentanz innerhalb von 3 Tagen verschlungen ... (Hildegunde Artmeier) hat einen wunderbaren Stil, der die Leser mitreißt und vor Spannung das Buch nicht aus der Hand legen lässt. (Die Autorin) baut die Spannung so gut auf, dass man als Leser das Gefühl hat, man würde zusammen mit Lilian Graf ermitteln ... Ich wünschte, (H. Artmeiers) Bücher hätten 1000 Seiten, damit man sie so schnell nicht aus der Hand legen muss. Ich lese sehr viel, aber es hat mich schon lange nichts mehr so gefesselt, wie ihre Romane."
Martina Zierer aus Regensburg

"Das ist kein Krimi der ersten Klasse..."
Rezensentin aus München

"Endlich mal wieder ein toller Frauenkrimi. Vor allem die Hauptfigur, die Kommissarin ist hervorragend gelungen. Eine Frau wie du und ich, mit der man sich identifizieren kann."
Marianne aus München


Leseprobe:

Lilian erwischte den letzten freien Parkplatz vor dem Hotel. An der ReAls Lilian in die Zufahrt einbog, lagen die letzten Häuser des kleinen Weilers, den der Arbeiter beschrieben hatte, schon lange hinter ihr. Das hier war ein richtiger Einödhof. Sie parkte den Wagen und ging an einem Schuppen mit Gerätschaften und einem klapprigen Traktor vorbei. Ein Hund fing zu bellen an. Es klang wütend. Hoffentlich war der angebunden. Dann sah sie ihn: ein deutscher Schäferhund. Seine spitzen Eckzähne glänzten gefährlich. Um seinen Hals spannte sich eine Leine. Lilian hasste Schäferhunde. Das war so, seit der Schäferhund ihres Vaters sie einmal gebissen hatte. Obwohl ihr Vater den Hund geliebt hatte, hatte er nicht gezögert, ihn gleich danach wegzugeben und durch einen kinderfreundlichen Labrador zu ersetzen.
"Hasso, sei still!"
Eine alte Frau in abgetragenen Kleidern und mit einem Kopftuch über grauen Haarsträhnen erschien auf dem gepflasterten Hof. Sie ging gebeugt. Man sah ihr an, dass ihr das Gehen schwer fiel.
"Was wollen Sie?"
Lilian zeigte ihren Dienstausweis. "Hier soll ein Mann namens Miroslav Slobodan wohnen. Ist er da?"
"Nein, der ist in der Arbeit. Hat er was angestellt?" Misstrauisch beäugte sie Lilian.
Der Hund hatte mit seinem Kläffen aufgehört, ließ aber jetzt ein bedrohliches Knurren hören.
"Wissen Sie, wo er arbeitet?"
"Mal hier, mal da."
"Wann kommt er denn wieder?"
"Unterschiedlich. Manchmal um sechs oder sieben, dann wieder mitten in der Nacht."
"Kann ich mir sein Zimmer anschauen? Vielleicht finde ich dort eine Adresse oder Telefonnummer von seiner Arbeitsstelle."
Die alte Frau setzte eine Miene auf, als wollte sie die Frage verneinen. Dann aber sagte sie: "Na gut. Ich komm mit."
Sie führte Lilian in das Haupthaus. Es war ein altes Gebäude, das nach Moder und zu viel Feuchtigkeit roch. Ächzend stieg die Frau eine knarrende Holztreppe hinauf. Im obersten Stockwerk sperrte sie eine schäbige Türe auf und öffnete diese. Lilian musste sich an ihr vorbeidrängen, da sie nicht zur Seite trat.
Das Zimmer war klein und hatte nur ein winziges Fenster. Auf dem Boden lag ein ausgefranster Wollteppich, der Putz blätterte von einigen Stellen an der Wand ab. In einer Ecke gab es eine erstaunlich moderne, komplett eingerichtete Küchenzeile. Ansonsten war die Möblierung einfach, fast karg: Bett, Nachttisch, zwei Lautsprecherboxen, Schrank, Stuhl, Tisch, Regal - das war alles. Aber die Details waren überwältigend. Auf jeder freien Fläche lagen Berge von Papier, entweder lose oder zu dicken Blöcken und Heften gebunden. Das Regal quoll über vor Büchern. Auch Bett und Nachtkästchen verschwanden unter Papier- und Bücherstapeln.
...
Lilian begutachtete die zahllosen Blätter. Die meisten waren beschrieben. Von Hand, in einer geschwungenen Schrift, mit schwarzer Tinte. Es waren Gedichte und Fragmente von Erzählungen. Auf einem Papierbogen hieß es:

Ahnen

noch darf ich dich
in meinen händen halten
dein haar liebkosen
deine augen küssen

doch bald schon
wirst du dieser stunden
kaum gedenken

Ein langer roter Strich ging quer über die Schrift. Ob dem Dichter sein Werk nicht gefallen hatte? Auf einem anderen Blatt stand:

Leiden

ich bin wie eine weiße feder
die in deinem blut ertrinkt

du hast mir dein leben eingehaucht
das ich nicht haben wollte

Langsam legte Lilian das Papier zurück. Sie schaute sich um. Nahm jedes Detail in sich auf. Es war das Zimmer eines tschechischen Fliesenlegers - mit einer Sammlung an Büchern, auf die jeder Universitätsprofessor für Kunstgeschichte oder Literaturwissenschaft stolz gewesen wäre. Hobbykoch war der Kerl offenbar auch noch. Und wie passten diese Gedichte dazu? Sie hatte das Gefühl, als ob hier nichts so war, wie es schien - und alles anders schien, als es war.
Ein Krächzen ertönte. "Hören Sie, ich muss mich um die Eier unten kümmern und Essen kochen. Wenn mein Mann heim kommt, will er was auf'm Tisch sehen."
"Verstehe. Keine Sorge, bin gleich fertig."
Lilian nahm eines der leeren Blätter und einen Stift, schrieb mehrere Zeilen darauf und faltete es. "Das ist für Ihren Untermieter. Es ist wichtig. Wenn er heute nicht mehr auftaucht, dann rufen Sie mich an."
Gerade wollte sie das Blatt der Bäuerin geben, da drang zorniges Hundegebell zu ihnen herauf. Lilian schaute aus dem Fenster. Unten im Hof war Helmut, der mit großzügigem Sicherheitsabstand um den Hund herum auf die offene Haustür zuging. Mit einem Brummen schlurfte die alte Frau zur Treppe und stieg schwerfällig hinab.
Lilian nutzte die Gelegenheit, um sich genauer umzusehen.
...
Auf den Treppenstufen erklangen Schritte. Es war Helmut. Etwas an ihm kam Lilian seltsam vor. Was war das nur - vielleicht sein entgeisterter Blick? Der Inhalt dieses Zimmers würde ihn sicher in bessere Stimmung versetzen. Sie zeigte ihm die Gedichte.
"Na, wenn das kein Geständnis ist!" Triumphierend wedelte er mit dem Gedicht Leiden durch die Luft.
"Jetzt haben wir ihn!" Er tippte eine Nummer in sein Handy und vereinbarte, sofort zwei Spezialisten vom Erkennungsdienst sowie eine Polizeistreife hierher zu schicken. Gemeinsam verließen er und Lilian das Zimmer. Helmut sperrte ab, steckte den Schlüssel ein und fing an, in seinen Jacken- und Hosentaschen herumzukramen.
"Suchst du was?" fragte Lilian.
"Ja... Hast du was zum Versiegeln dabei? Find grad nichts..."
Lilian holte die Siegel aus ihrer Handtasche. Umständlich machte Helmut sich an der Tür zu schaffen. Als er fertig war, brachte er erst einmal seine durcheinander geratene Kleidung in Ordnung. Grinsend sah Lilian ihm zu. Da entdeckte sie einen dunklen Fleck auf seinem gelb karierten Hemd.
"Was hast du denn da gemacht? Ist das Blut?"
"Was? Ach so... Vielleicht beim Rasieren geschnitten."
Kam es ihr nur so vor, oder bemühte er sich tatsächlich, ihr nicht in die Augen zu schauen? Das bildete sie sich bestimmt bloß ein. Aber - seit wann hatte man beim Rasieren ein Hemd an?